ingrid raab anläßlich der erscheinung des katalogs "holz fortlaufend" 

 

Wie ein roter Faden zieht sich Martin Krammers souveräner Umgang mit dem Grotesken durch sein Werk. Es scheint ihm Freude zu machen, uns dieses große Thema der Kunstgeschichte auf meisterliche Art erneut vorzuführen. Die Groteske dient der Selbstreflexion. In Übergangszeiten, in Zeiten großer Veränderungen hilft sie, den eigenen Standort zu erkennen. Das geschieht über Gegensätze. Die Gargouilles zum Beispiel, sinnvoller Schutz vor Wasser an Kathedralen, sehen bedrohlich aus, so dass man sich unvermittelt fragt, warum etwas so  Sinnvolles gleichzeitig Angst und Schrecken verbreitet hat.

 

Bedenkt man weiter, dass die Baumeister der Kathedralen fortschrittliche Menschen waren, die furchtlos große Höhen, überwanden und moderne Bautechniken erfanden, muss ein anderer Gesichtspunkt zur Skulptur der Groteske dazukommen: die Überwindung der Angst. Wer der Gefahr ins Auge sieht, kann klare Gedanken fassen. Wie man Tod und Teufel überwindet, ist angesichts der damaligen Darstellung in Grotesken mit menschlichen Zügen die Herausforderung, die es zu meistern galt. Darum rühren uns die verwaschenen Gargouilles ebenso an, wie die auf das Genaueste ziselierten Schnitzereien mittelalterlicher Grotesken.

 

Ein verzerrt grinsendes Gesicht, ein Phantasiemonster, erwecken die Frage, wie die Schöpfer dieser Skulpturen auf derartige Gedanken kamen. Dann fallen einem Kindermärchen ein, Geschichten, die erschreckend und tröstlich zugleich sind, die durch den Gegensatz von Schrecken und Geborgenheit vom Kind als spannend empfunden werden.

 

Es gibt Redensarten, über die man das verdeutlichen kann: vor Lachen weinen, Freudentränen vergießen. Die Emotionen sind dann am stärksten, wenn die Gegensatzpaare Freud und Leid, Schrecken und Zuversicht, Glück und Schmerz gleichzeitig in uns zum Sprechen kommen. Nicht zu vergessen das Gegensatzpaar, das in der heutigen Kunst eine große Rolle spielt: abstrakt und gegenständlich.

 

Hier setzt Martin Krammer an: seine Skulpturen sind grob in Holz gehauen, das macht ihre abstrakte, damit aber auch allgemein gültige Kraft aus. Wenn er hingegen ins Detail geht, zum Beispiel bei der  "Jausenkunst", sehen die dargestellten Objekte täuschend echt aus. Dennoch sind sie gleichzeitig unverkennbar in Holz geformt, man kann in kein Holzbrötchen hineinbeissen.. Zwischen  Gegenständlichem und Abstraktion liegen darüber hinaus viele Abstufungen der gestalterischen Möglichkeiten Martin Krammers. Die Skulptur "Herr Rossi sucht das Glück" kann ganz wörtlich genommen werden, sieht man aus einem anderen Blickwinkel auf sie, ist Herr Rossi ernst, hintergründig, in sich versunken, träumerisch, traurig. Gute  Bildhauerarbeit ist mehrdimensional. Vertraut sich der Betrachter dem breiten Spektrum von Martin Krammers Gedankenwelten an, erlebt er viele Überraschungen..

 

Martin Krammers Holzskulpturen sind sparsam bemalt. Manchmal gehen die Emotionen mit ihm durch, dann fliegt die Farbe der Skulptur um die Ohren, wie bei " I tipp-ex'd my boyfriend". Die Energie, die von dieser Skulptur ausgeht, ist raumgreifend. Ihre Präsenz macht große Freude, sie steht im Mittelpunkt des Geschehens und gehört dazu. Ganz in sich gekehrt dagegen die "Drei Grazien", ein großes historisches Thema, das hier  in der Manier der Heiligenmalerei behandelt wird, wären da nicht zwei Grazien, deren Antlitz fehlt. Die Frage nach dem warum stellt sich eben  jeden Tag von Neuem....

 

Dagegen ist unsicher, was "Molly, Vikerl und Isi" im Schilde führen, so dass der Betrachter sich ihnen lieber vorsichtig nähern sollte. Er kann nicht wissen, wie diese Figuren reagieren würden, spräche man sie an.  Sie sind wie Kinder, die etwas im Schilde führen und es vor den Erwachsenen verbergen. Wenn sie täglich um uns sind, hat es den Anschein, als führten sie einen Dialog zum Geschehen: abwägend, anregend grob, frech. Natürlich immer auch mit einer humorvollen Distanz.

 

Das ist mit Blick auf die "Fußballmannschaften" anders, eindeutige Aussagen zu einem alltäglichen Geschehen. Nähert man sich ihnen, sind sie wie aus einem Stück gehauen, aber die einzelnen Figuren haben etwas Zerbrechliches, als wollten sie sagen: wir sind dann gut, wenn wir zusammenhalten!

 

Auf die Abgründe, die sich in Martin Krammers Skulpturen auftun, täglich neu zu reagieren, ist der Spaß schlechthin, den die vielen Facetten des Werkes unserem Auge anbieten. Über Bilder des alltäglichen Lebens, die man von Kindheit an kennt,  bringt Martin Krammer den Betrachter seiner Skulpturen immer wieder zum Innehalten und Nachdenken, und das auf sehr unterschiedliche, stets überraschende  Art und Weise, an der zum Schluss das beifreiende Lachen steht..

Man kann stundenlang über die einzelnen Werke fabulieren, man kann sich vor allem an ihnen erfreuen und man sollte ausprobieren, wie gut es sich mit ihnen lebt.

 

Berlin, im August 2012

 

 

MANFRED LANG im Vorwort des Katalogs "holz fortlaufend"  

 

Holz – fortlaufend, aber warum und wohin?

 

Wenn man diesen Katalog von Martin Krammer durchblättert, dann ist eines sofort nachvollziehbar – Holz.

 

Martin Krammer liebt Holz, also arbeitet er mit Holz und mit ein bissl Farbe.

 

Aber arbeitet er fortlaufend? Läuft er chronologisch fort oder einfach fortfort? Und wenn fortfort, wohin geht das fortlaufen so?

 

Und womit läuft der Krammer so? Mit welchen Kunstschuhen z.B.?

 

Aber da kommt auch schon der Einwand vom Krammer – er sieht sich nicht als der Fortlaufende …“für mich war’s eher so, dass das Holz fortläuft – quasi tote Materie wird alchimistisch behandelt – wird lebendig und lernt laufen“. Schöner kann man das mit der Transformation nicht sagen.

 

Und damit diese auch noch ein bissl klarer wird, hat der Krammer ja auch noch die Titel seiner Skulpturen – ergänzende oder verquere Erklärungen des geschnitzten oder als doppelt gemoppeltes, oder als Verunsicherung des Betrachters, der gerade dabei war ein oberflächlicher Krammer-Fan zu werden.

 

Aber so leicht macht er es einem sicher nicht - sich bei der Betrachtung seiner Skulpturen eine ganz persönliche Kunstvorstellung zurecht zu zimmern – Krammer will schon, dass man seinen Intentionen seinen Vorstellungen folgt – ihm geht es nicht um einen vordergründigen Surrealismus der dritten Generation, nicht um eine einfache Max-Ernst-Berufung – surreale Bezüge sind durchaus gewollt, aber die gesellschaftskritischen, ironischen und subversiven Statements in Holz sind Hauptbestandteile seiner künstlerischen Arbeit.

 

Um diese Statements zu enträtseln bedarf es schon einiger Anstrengung seitens des Betrachters – aber dann kommen noch diese mysteriösen Titel dazu – dienen sie der Verdeutlichung oder verschleiern sie ganz bewusst das Gezeigte? - Kommen da gar fast schon kunstphilosophische oder literarische Überlegungen dazu?

 

Nehmen wir z.B. „Alfredo und Alfonso fangen einen Spitzmaulmenschen“ – eine kleine Figur auf einem Podest aus Buche – und die Figur ist geschnitzt und zusammengefügt aus lauter verschieden färbigen Buntstiften – die Betrachter bestaunen und bewundern als erstes die handwerkliche Artistik des Künstlers – und dann dieser verwirrende Titel – wer sind Alfredo und Alfonso? - sind das Krammer und Krammer? – und warum fangen die diesen eigenartigen Menschen – wenn sie zumindest fortlaufen und nicht fangen würden.

Aber da kommt schon der Einwand – nicht Krammer und Krammer sondern Martin und Christian (der Freund) – gemeinsam haben sie ihre Ideen entwickelt, Aktionen und Ausstellungen gemacht – „ein wesentlicher Punkt unseres Konzepts war das Spiel mit den Identitäten, so wurde die frage nie geklärt, wer Alfredo und wer Alfonso ist“.

 

Skulptur und erzählerischer Titel gehören bei Martin Krammer einfach zusammen – aus welchen hinter- oder vordergründigen gründen auch immer – es macht schon einen bereichernden Sinn was der Krammer da macht.

 

Martin Krammer geht seinen eigenen Weg – mit einer ganz persönlichen künstlerischen Handschrift – unbeeindruckt und unbeeinflusst von zeitgeistigen Kunsttrends, aber als ein wacher, subversiver Bildhauer - deshalb ist Martin Krammer ein wichtiger zeitgenössischer Künstler.

 

 

 

 

 

 

Der Architekt Carl Auböck über den Designer Martin  Krammer

Auf den Grund gehen

Die Jahrtausendwende brachte ein Element in die Welt des Designs, das bisher - wie ich glaube - wenig Beachtung fand. Die intensive Beschäftigung mit dem Immateriellen, dem "Nichts". Da wir wissen, dass es in der Welt das "Nichts" eigentlich nicht gibt, nicht geben kann, ist das Postulat des Minimalismus oder besser und präziser des Reduktionismus besonders bedeutsam und wichtig geworden. Es ist der intensive Versuch, die Wesentlichkeiten der Dinge herauszuarbeiten und alles Beiwerk der Moden und üblicher Ablesbarkeiten zu umgehen. Es mag der spirituelle Ansatz der frühen Moderne sein, der in unserer Zeit entsprechend entkleidet von naivem Reformwirken, aber angereichert mit intellektueller und literarischer Qualität in der Arbeit junger Designer neue Formen findet.

Auf die Frage an Martin Krammer: "Was ist Licht?", antwortet dieser paradox - "nichts Materielles". Nun sehe ich eigentlich gerade in der Auffassung seiner Entwurfslösungen das Licht als grundlegendes Leitelement, das hier aktiv - als Leuchte, dort passiv - als Schattenform (Stühle) Einsatz findet. Krammers Großvater, ein Erfinder, arbeitete vorwiegend mit "Luft", also auch etwas "Immateriellem" und erwarb eine Reihe von Patenten für die technische Leitung und Steuerung der Kraft dieses "Nichts". Krammer spricht selbst vom Wunsch nach lustbetonter Intelligenz in seiner Arbeit, ein symphatischer Ansatz, erweist er sich auch hier als Grenzgänger zwischen festgefahrenen Ästhetik-Hedonismus-High Tech-Welten. Nichts wird gesucht, Idee, Form und Material "kommen von selbst", entsprechend den Anlässen, den Aufträgen. Die Erfindung bildet den Zentralpunkt, das Neudenken und alchemistische Ausloten von Möglichkeiten. Dabei spielt die Assoziation das Kommunikationsfutter zwischen Entwerfer, Material und Funktion. In der Herausforderung der Naturgesetze, der Gesetze der Konstruktion und Provokation angelernter Vorstellungen des Kunden, des Benutzers von Gerätschaften liegt die Chance und Qualität dieses Designers.

Die skulpturale Anwesenheit des Gegenstandes und das Zwiegespräch Objekt - Benutzer spielen zusammen mit dem poetischen Zugang des formalen Lösungsansatzes. So wird die "Dienstleistung" des Gebrauchsgegenstandes offensichtlich gemacht, die Wege der Energie und deren Schalteinheiten Teil der Gesamterscheinung (Lampen), die Spannungslinien des Materials statisch und antropomorph nachvollziehbar (Stühle). Im aufgeregten Wirbel der binären Realität der virtuellen Entwicklung unserer Bildwelten baut Krammer eine eigene, auf den Charakter der Wesentlichkeit des Gegenstandes aufgebaute Formenwelt, die beispielgebend ist für den Wandlungsbedarf rasch überlebter und hinfälliger Formen und Produktwelten um die Jahrtausendwende. Sieht man Arbeiten wie die Krammers, scheint die Zeit der letzten Jahre, die Zeit des Jammerns um die österreichische Designerszene und -Politik der bürokratischen Selbstzerfleischung der Berufsvertretungsvereine ad absurdum geführt.

Die Tätigkeit des Designers muss auf seiner Eigeninitiative aufgebaut sein, Designgesetze und Gebührenordnungen sind kein Parameter für die Qualität des Kulturbeitrags, den das Erfinden von (horribile dictu!) Gebrauchsgegenständen ausmacht. Man wird österreichischen Industrien und Betrieben auch in Zukunft nicht nahelegen können, sich des Designers zu bedienen, der schon längst aus dem internationalen Umfeld hereinragende Innovationsdruck nach intelligentem Design wird das schon automatisch tun. Umso hoffnungsvoller sieht dann die Sache für die österreichische Produktkultur aus, wenn engagierte Einzelmotoren wie Krammer ihre kreativen Potentiale und Visionen auf diesen Bereich unseres Lebens konzentrieren.

(Aus dem Katalog "Kulturpreisträger des Landes Niederösterreich 1998", Seite 46 und folgende; Autor: Carl Auböck)

 

 

 

 

 

Martin Krammers Beitrag zur Art Figura 2015

 

„ultimate home-entertainement-solutions“ 2011, Linde, Kugelschreiber, 33x43x19cm

 

 

 

Dies ist eine Arbeit die sich gegen Gewalt positioniert.

Diese vollplastische aus Linde gearbeitete Holzskulptur beleuchtet das Thema Gewalt als Phänomen, und ihre als Unterhaltung verkleidenden Derivate .Genauer gesagt stellt die Skulptur bildlich 2 Thesen auf .

 Die erste lautet Gewalt erzeugt Gegengewalt . diese Erfahrung gehört wohl zu den unmittelbaren Erfahrungsschatz jedes Menschen für diese Einsicht bedarf es keiner psychoanalytischen Kenntnisse . Sieht man dies als ein Naturgesetz und gleichzeitig als Lösungskompetenz ist dann eine Gewaltspirale aus Aktion - Reaktion unumgänglich ?Sieht man sich die Figur aber genauer an fällt einem auf, dass es sich um eine einzige Person handelt deren vermeintliche Interaktion so versetzt ist, dass sie sich ausschliesslich gegen sich selbst richtet. Ihre eigenen Hände zielen also auf den eigenen Hinterkopf obwohl die ganze Körperspannung auf einen Gegner vor der Figur abzielt.

 Das bringt uns zur zweiten These die diese Arbeit postuliert : Menschen kämpfen gegen immer gegen sich selbst. und zwar nicht nur symbolisch sondern real gegen verhasste oder ungewollte eigene Persönlichkeitsanteil an die sie durch Auslöser in der der Aussenwelt erinnert werden. So ist Integration und Toleranz nicht nur eine Frage gegen über anderen menschen sondern,Integration ist allen voran eine Einstellung und ein Prozess der eigenen Persönlichkeit gegenüber .

 Die Idee zu der Arbeit kam mir als ich einige Schüler beobachtete als sie computerspielten. Es sind diese Spiele die sehr brutal die Waffe des Spielers am unteren Bildrand zeigen und so den Spieler als real im Geschehen suggerieren. ego-shooter, wie diese Spiele heissen, beschreibt es ohnedies gut. Zufällig gab es eine Bildschirmstörung oder eine Beeinträchtigung des Bildaufbaus sodass die Spielfigur immer mehr vor die eigene Waffe geriet und sich so langsam der Eindruck wandelte, von Aktion in Richtung auf Reaktion auf die eigene Gewalt .Desshalb auch der ironische Titel aus dem Bereich der Computerspiele die Gewalt als Unterhaltung verkaufen .Die Figur ist anatomisch präzise detailliert wenngleich die Oberfläche alle Bearbeitungsspuren der Werkzeuge sichtbar lässt . Es ist das ausschliesslich ein feines gerade Bildhauereisen und eine japanische Säge die den Gesamteindruck als fein und rau herausarbeiten.

Formal ist der Schnitt der der durch die Figur geht glatt und exakt angelegt und referenziert so die oben erwähnte Bildstörung .

Die Lage des Schnitts ist so gewählt das auch der Gesamtumriss der Figur aus einiger Entfernung einen formalen Verweis auf die Waffe und somit auf das Thema gibt, was vor allem wegen der relativen Kleinheit der Figur ihre Eindringlichkeit aus der Entfernung steigert.

die Spannung der dargestellten Situation wir durch die farbliche-grafische Gestaltung durch Kugelschreiber unterstützt. Der nervöse Strich der Rhythmus und Struktur der Szene anfeuern legt sich wie ein flüchtiger Hauch von einer Mischung aus Kriminalroman und Skizzen von Raymond Petition über die Arbeit.

 

 

 

 

 

„fragile buildings“

Im Mittelpunkt von „fragile buildings“ steht die Frage nach dem Kern und der Schale der menschlichen Existenz. Die überdimensionale Skulptur besteht aus einer den Körperraum definierenden dreidimensionalen Membran aus ausgedruckten Fotografien menschlicher Körper. Somit lässt sich „fragile buildings“ als räumliche Rekonstruktion aus der zweidimensionalen Projektion begreifen – ein Markenzeichen der Papierskulpturen von Martin Krammer. Auf der anderen Seite verweist die Platzierung der Skulptur in der Galerie Time über die Beschaffenheit der Ausstellungsräume auf die Architektur als menschliche Behausung, die in der Abstufung von Öffentlichkeit ebenfalls als Hülle des Menschen verstanden werden kann.

Die Oberfläche der Skulptur ist der Straßenseite zugewandt - der Körperinnenraum ist nur zu sehen, wenn man das Gebäude der Galerie betritt und somit die architektonische Hülle passiert. Auf diese Weise werden in Martin Krammers Arbeit „fragile buildings“ die dominierenden raumbegrenzenden Schalen des Menschen subtil und auf innovative Art zueinander in Beziehung gesetzt.

Das raumgreifende Maß von „fragile buildings“ entspricht der Intention des Künstlers und gelernten Architekten Krammer, dem es gefällt, den menschlichen Körper näher an seiner architektonischen Hülle verweilen zu lassen.

Die Konzeption der Arbeit ermöglicht dem Betrachter eine mehrstufige Rezeption:
1) Ein Passant wird von der gegenüberliegenden Straßenseite aus eine voluminöse Figur wahrnehmen, die mehrere Innenwände im Hausinneren scheinbar durchdringt. 2) Unmittelbar vor den Fenstern der Galerie stehend, ist es dem Betrachter unmöglich, einen Blick aufs Ganze zu erheischen: Überraschungen durch das Spiel mit Erwartungshaltungen sind somit vorprogrammiert.
3) Betritt der Besucher die Galerieräume, so trifft er aus unmittelbarer Nähe auf den sequenzierten Innenraum der Skulptur, aufgeteilt über vier Räume der Galerie.

„fragile buildings“ ist ein „work in progress“-Projekt: Von Beginn der Aufbauarbeiten an (ab 10.11.2009) ist die Skulptur öffentlich zugänglich und auch bei der Vernissage (14.11.2009) werden die Arbeiten nicht abgeschlossen sein.

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Martin Krammer: “fragile buildings”
Vernissage: Sa, 14.11.2009, 19.30 Uhr Dauer: Di, 17.11. bis Sa, 21.11.2009

Galerie Time, Wollzeile 1-3, 1010 Wien, http://www.galerie-time.at Geöffnet: Di, 14-22 Uhr (Nachtgalerie); Mi-Fr, 14-19 Uhr; Sa, 11-13 Uhr

Eine Alfredo & Alfonso-Production - http://www.alfredo-und-alfonso.at

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© Christian Hart (Tel. 0676-401-104-3), Martin Krammer (Tel. 0676-527-71-01) 

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„camera umbra“ 

 

Ausstellungstext zur Einzelausstellung in der Galerie Bildrecht Wien 1, Feb. 2015.

 

 Ein Bildhauer im Dialog mit der Fotografie. Das überrascht zunächst, beschäftigt sich die Bildhauerei doch mit Körpern im Raum, während die Fotografie das Dreidimensionale auf einer Fläche, also zweidimensional darstellt. Das Foto ist allerdings so nah an den Bildern, die unser Auge unserem Gehirn liefert, dass wir immer wieder versucht sind, es mit „der Wirklichkeit“ gleichzusetzen. Genau die Reduzierung um die räumliche Dimension, die Verflachung, die die fotografische Projektion bewirkt, ist der Ausgangspunkt für eine ganz eigene Umgangsweise mit Fotografie als primäres Arbeitsmaterial eines Bildhauers.

Die Arbeiten von Martin Krammer kreisen um das Kern-Schale Problem der menschlichen Existenz. Der Illusionsraum der Fotografie wird durch den Eingriff mit Schere und Klebeband zur physischen Membrane an der Grenze von Innen und Aussenwelt, wie das die, sich über mehrere Ausstellungsräume erstreckende Installation „fragile buildings“ von 2009 eindrucksvoll vor Augen führte.

Durch die sich ausbreitende mediale Rezeption der Wirklichkeit, verdeutlichen die Arbeiten das Fehlen einer zunehmend verloren gehenden haptischen und körperlichen Erfahrungswelt, oder sogar ein Scheitern des Versuches diese wiederherzustellen, wie in „decomposed“von 2006.

 

Martin Krammer sagt zu seiner Arbeitsweise: „Ich glaube, unser Gedächtnis macht nicht viel Unterschied dazwischen, ob es es sich um etwas Selbst-gesehenes, Fotografiertes oder um fantasiertes Sinnesmaterial handelt. Alles fügen wir zu einer mehr oder weniger kohärenten collageartigen Wirklichkeit zusammen. Fotografie hat dabei für mich eine Sonderstellung weil sie als Material physisch verfügbar ist. Die Installationen sind eine Art Metapher für die  Umkehrung des fotografischen Prinzips. Die Projektion umkehren und eine Dimension, also die wieder gewonnene 3.Dimension als freien Gestaltungsraum nutzen, das ist die Grundlage.

Ich meine das natürlich nicht in einem streng geometrischen Sinn sondern eher im Sinn eines neu entstehenden Bedeutungsraumes.

Verdeckten Kanten und zunächst unsichtbare Schattenseiten der Psyche oder der Gesellschaft, das sind die Inhalte der Arbeiten und sie kommen durch den Eingriff und die Zerstörung der 2 dimensionalen Einheit der fotografischen Oberfläche ans Licht. Sinnbildlich gesprochen wäre eine „camera umbra“ also im Gegensatz zur Camera obscura, die  ja nur Graduationen der Helligkeit verzeichnen kann, ein Gerät das, so zu sagen, expressiv arbeitet also ein sich ausdrückendes Medium des Schattens“

Ergänzt werden die Papierarbeiten Krammers durch zwei seiner Skulpturen aus Holz. Während der Künstler in den Kollagen, die flächige Abbildung eines Körpers wieder in eine räumliche Dimension zurückführt, nimmt er im Holz eine Umkehrung anderer Art vor. Immer wieder beschäftigt er sich mit der mythologische Geschichte der Nymphe Daphne, die sich den Vergewaltigungsversuchen Apolls nur durch die Verwandlung in einen Baum entziehen konnte. 

Die Mythologie beschreibt diese Metamorphose als eine Art Schutzfunktion des verletzten Menschen und somit als Schocktransformation in etwas Zäheres oder Härteres. Das Überleben wird gesichert, aber der Preis ist hoch, denn es kostet die Lebendigkeit und Beweglichkeit.

Hinter den Holzskulpturen steht die Idee der Umkehrung der daphneschen Erstarrung. Der bildhauerische Eingriff führt von der Verholzung zur darunter oder dahinter liegenden Geschichte.

 

Text: Galerie Bildrecht Wien 1

 

 

 

 

 

"sediments

 and

 cracks"

 

Martin Krammer 

 

Galerie Lang Wien

Stand H16 

Viennafair 2013

www.martinkrammer.at

www.glw.at

 

Regine Hawellek  über 

"sediments and cracks" 

 

Werden und Vergehen vollziehen sich in der Zeit und der Prozess von Wachstum und Veränderung hinterlässt sichtbare Spuren. In der Skulptur "sediments and cracks" wird dies für den Betrachter sinnlich erfahrbar gemacht. In ihr begegnen sich zwei grundlegende Aspekte der menschlichen Existenz, die aber von ganz andersartiger Qualität und Bedeutung sind.

Zum einen lagert sich der Prozess des Wachsens und Alterns sanft und stetig in übereinander gelagerten Schichten ab, die als Sedimente bezeichnet werden können. Zum anderen gibt es plötzliche Ereignisse und aufgrund von Spannungen entstandene Veränderungen, hier Cracks genannt.

 

Die Figur ist aus neun Holzquadern aufgebaut. Zuvor waren die Balken als tragende Elemente an einer Brücke eingesetzt. Sie sind wahre Zeitzeugen, die an ihren Außenflächen durch Witterungseinflüsse nach und nach ergrauten. So entstehen bei der Skulptur "sediments and cracks" die dunklen, exakten Linienhorizonte, wohingegen sich an den Stellen, die erst vor Kurzem vom Bildhauer bearbeitet wurden, wieder das helle Fichtenholz zeigt.

 

Ganz anders die Risse im Holz: Sie sind Folgen der Spannungen im Material, die sich durch ein plötzliches Aufbrechen entladen. Dieser dynamische Prozess vermittelt sich auch optisch als unruhiger und nicht vorhersehbar. Die Cracks verlaufen horizontal und steigern sich in der Figur bis zum Herausbrechen von Teilstücken der Arme.

Der Wunsch nach einer Überführung dieses Geflechts von Brüchen in eine neue Ordnungsstruktur wird mit künstlerischen Mitteln als Versuch mit ungewissem Ausgang verdeutlicht. Er entspricht der Verfechtung von Unbewusstem und dem Bewusstwerden von Veränderung, aus dem erst eine Erkenntnis erwachsen kann. Nur wenn diese heranreift, vollzieht sich ein Wandlungsprozess, wie er in der Skulptur "sediments and cracks" als Überführung der Sprünge, also der negativ Formen in erhabene Objekte sichtbar wird. Es entsteht eine Verschnürung, einem Korsett nicht unähnlich, dessen Endpunkte an der Wirbelsäule der Figur zusammenfinden.